Eine Welt ohne Maßstab.
Ich beobachte, dass uns das Gefühl für Dimensionen verloren geht.
Es fing an, als ich in das gelangweilte Gesicht meiner Tochter blickte – im Jahr des Mondlandungs-Jubiläums, als ich ihr diese technische Leistung begreifbar machen wollte. Eine hundert Meter hohe Rakete. Sie fand das alles unspektakulär und kannte die Bilder längst von TikTok.
Da verstand ich es. Unser Fenster in die Welt ist seit gut 20 Jahren ein Smartphone-Display. Auf einem Smartphone-Display hebt ein Zahnstocher ab. In Hamburg ist der Kirchturm des Michels in etwa so hoch wie eine Saturn-V-Rakete. Erst vor diesem Turm wurde die physische Wucht begreifbar.
Da liegt das Problem. Wir haben keinen Maßstab mehr.
Alles passt auf ein Display. Alles ist gleich groß. Eine Mondrakete. Ein Katzenvideo. Ein Krieg.
Vielleicht fühlt sich unsere Zeit deshalb so merkwürdig an. Nicht nur, weil sie komplex ist — weil Maßstäbe kollabieren. Die gewohnte Welt ist noch da. Die neue Welt ist gleichzeitig da.
Der Krieg in der Ukraine wirkt verstörend vertraut. Panzer aus alten Depots. Gräben. Artillerie. Bilder, die unsere Großeltern schon gesehen haben. Das dort verwendete Material kenne ich noch aus Quartettspielen und Nachrichtensendungen, die ich leberwurstbrotessend mit meinem Opa gesehen habe. So widersprüchlich es klingt: Das ist ein Krieg, den wir zu kennen glauben.
Und dann sehe ich andere Bilder. Auf meinem Smartphone. Hyperschall. Drohnenschwärme. KI-gestützte Raketenabwehr. Systeme, die schneller reagieren, als Menschen entscheiden.
Touristen schlafen in Tiefgaragen. Influencer influencen. Alles wird sofort monetarisiert, aber nicht verstanden.
Wenn die beiden größten Nuklearmächte technologisch in unterschiedlichen Systemen operieren — die eine noch mechanisch geprägt, die andere tief in algorithmischer Kriegsführung —, dann ist die nukleare Parität vielleicht die letzte Klammer zwischen zwei Zeitaltern.
Zwei Epochen. Verbunden nur durch die Möglichkeit totaler Vernichtung.
Ich blicke auf mein Handy und sehe Raketen auf Tel Aviv und Dubai regnen. Sie sind so groß wie Zahnstocher und in Wahrheit hunderte Kilo Metall und Sprengstoff. Und ich denke an das gelangweilte Gesicht meiner Tochter. An die Rakete, die auf dem Display nicht höher war als mein Daumen. Ein Zahnstocher, der abhebt. Ein Zahnstocher, der einschlägt. Und wir betrachten beides auf derselben Fläche.
Während im Hintergrund Systeme autonomer werden, Algorithmen entscheiden und Reaktionszeiten schrumpfen, übersehen wir den Wahnsinn um uns herum.
Alles ist nur Content. Die Warnungen von Sam Altman, das neueste Katzenspielzeug und der Weg zur ersten Million. Alles wie McDonald's in uns hineingestopft, ohne darüber nachzudenken. Wir scrollen einfach weiter. Konsumieren, statt zu reagieren.
Wer bist du in einer Welt ohne Maßstab?
Wir können weiter alles auf Handygröße betrachten. Oder beginnen, wieder Dimensionen zu erfassen. Das beginnt mit einem Blick auf dich selbst. Traust du dich hinzusehen?
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